Abdussalam A. Gussejnow

Zur Geschichte und Aktuellen Situation der Ethik in der Sowjetunion

Studies in Soviet Thought. 1991. Vol. 45. P. 195206.


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ABSTRACT. Developments in Soviet ethics have been largely, but not exclusively, determined by the official ideology. Since 1917 philosophers have debated four successive models of morality. In the first, morality was regarded as tool of the exploiting classes and thus was superseded by communism. This attitude in fact fostered moral nihilism and anarchism. In the second period of ethical reflection, morality was contrued as a social, class-relative, phenomenon, conceived in utilitarian terms. With respect to Communist morality whatever serves socialism as defined by the Communist Party acquires the force of a moral imperative. It is important to understand whether this perspective is true to Marx's views. Whereas classical ethics assumed an extra-worldy foundation for morality Marx adopted the humanist, immanentist perspective, according to which morality has a pragmatic sense as an ideal, the goal of activity. Soviet ethical theory of the Stalin era did not deviate from this perspective, for which reason ethics as a professional science was entirely subordinated to Party decrees about socialism as an ideal. In the third period beginning in the mid-fifties, a new view came to the fore which was codified in the 1961 Party program: moral values are now regarded as having a specific quality, social development involves a moral dimension, and moral values exhibit an all-human import. During this period the leading issue among philosophers is the question of the essence and specificity of morality as distinct from other forms of social consciousness. Just prior to the era of perestrojka beginning in 1985 a fourth model emerged which in fact prepared in most essential respects the actual new thinking in morality. The matters under consideration had to do with the 'global' dimensions of moral problems given the common experience and fears of humanity. For this reason morality was now seen as superseding politics. Presently, this reorientation has not only enabled abandoning attitudes favoring class morality, but thrown into relief the tragic consequences of this attitude within Soviet history.

The new image of morality corresponds to 'abstract humanism' with its stress on the person and universal values. The task before Soviet ethicians is to provide theoretical and methodological foundations for their research by which they can improve the professional quality of their work and provide the discipline with a new identity over and against Marxism.

 

In meinem Vortrag gehe ich von der These aus, dass die Entwicklung der sowjetischen Ethik durch die offizielle Ideologie, genauer gesagt durch die von der Ideologie vorgeschriebenen moralischen Vorstellungen bestimmt wurde. Ich möchte diese These nicht weiter ausführen, obgleich es ein interessantes und gar nicht so einfaches Thema wäre,

 

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über die Art dieser (nicht nur direkten, sondern auch indirekten) Determination nachzudenken. Hier muss es genügen festzustellen, dass eine Übereinstimmung zwischen ethischen Theorien und offiziell-ideologischen Einstellungen hinsichtlich der Moral bestand. Noch eine Vorbemerkung: ich möchte nicht behaupten, dass die Partei- und Staatsideologie die einzige ethikdeterminierende Kraft war. Neben ihr gab es viele andere Faktoren, aber sie war immer die entscheidende.

Im Verlauf der mehr als 70-jährigen Geschichte der Sowjetideologie kann man mindestens vier unterschiedliche Modelle der Moral, d.h. unterschiedliche Vorstellungen über Moral und ihre Rolle in der Gesellschaft, feststellen. Dementsprechend kann man die Geschichte der sowjetischen Ethik in vier Etappen gliedern.

1. Ungefähr in den ersten 10 Jahren der Sowjetmacht stand die Frage der Beziehung der neuen Gesellschaft zur Moral in ihrem traditionellen Verständnis im Vordergrund. Eine weit verbreitete und vorherrschende Meinung war, dass die kommunistische Formation die Moral überwindet. Diese Auffassung vertraten Bucharin, teilweise Lunacarsky und viele andere bekannte Theoretiker, die einen großen Einfluss auf das gesellschaftliche Bewusstsein hatten. Sie gingen von der Überzeugung aus, dass die Moral eine Ansammlung von entfremdeten Verhaltensnormen darstellt, die ein Ausdruck der Interessen der herrschenden Klassen, eine verfeinerte Form der sozialen Heuchelei und der geistigen Unterdrückung der Massen sind. Deshalb sollte sie in der neuen, wirklich freien Gesellschaft überflüssig sein und auf jeden Fall ihren imperativen, zwingenden Charakter verlieren. Die nihilistische Beziehung zur Moral nahm auch die Form naturalistischer Konzeptionen an, die soziales Bewusstsein als Ausdruck und Weiterführung physiologischer und emotionaler Prozesse im Individuum verstanden. Repräsentativ für die Auffassungen dieser ersten Etappe war das Büchlein von E. Preobrazensky: "Die Klassennormen und die Moral". (1923)

Den literarischen Versuchen, mit der Moral "abzurechnen", entsprachen praktische Experimente zur Schaffung von zwischenmenschlichen Beziehungen, in denen die Freiheit von traditionellen Konventionen und Einschränkungen nicht selten Formen des moralischen Anarchismus annahm. Das aber erwies sich als gefährlich. Man musste deshalb eine neue Methode finden, mit den Problemen der Moral umzugehen,

 

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wobei die Moral im gewöhnlichen Sinne des Wortes verneint und ihr Potential zugleich zum Zweck der sozialen Regulierung des menschlichen Verhaltens benutzt werden konnte. Eine neue Epoche im Denken über die Moral wurde eingeleitet.

2. Ende der zwanziger und Anfang der dreißiger Jahre wurde im Rahmen der offiziellen Ideologie die Moral im Geiste eines sozialen und klassenmäßigen Utilitarismus verstanden. Es handelte sich dabei nicht um eine allgemeine Ausrichtung der Moral auf das gesellschaftliche Wohl, sondern um eine durchaus konkrete Reduzierung auf die Ziele der Festigung des Sozialismus in der Form, in der diese Ziele in den Beschlüssen der Partei und den alltäglichen staatlichen Maßnahmen verkörpert wurden. Wenn man die vorherrschende, ideologisch geprägte ethische Einstellung etwas vulgarisiert, könnte man sagen: moralisch ist, was den Interessen des sowjetischen Staates nützt. Die Bedeutung der Moral wurde darin gesehen, die praktische Zweckmäßigkeit der Kollektivierung, der Industrialisierung, der Verschärfung des Klassenkampfs zu sanktionieren; zu Arbeitsdisziplin und ökonomischen Höchstleistungen aufzurufen; kurzum die alltäglichen parteistaatlichen Nöte in Tugenden zu verwandeln.

Das sozial-utilitäre ethische Modell der dreißiger Jahre schloss in sich ein: die Negation irgendeines allgemeinmenschlichen Inhalts der Moral, die Reduzierung moralischer Werte auf politische, die Diskreditierung persönlich bedeutender Ziele, die Negation der Autonomie der Persönlichkeit und einer Reihe anderer Momente. Im Ganzen führte es zu dem Gedanken, dass die Moral keinen spezifischen Inhalt und keine Eigenwertbedeutung besitzt; dass der Platz, den im Herzen des Menschen und im Leben der Gesellschaft gewöhnlich die Moral eingenommen hatte, durch das Bewusstsein der Gerechtigkeit der sozialistischen Sache, der Strategie und Taktik des proletarischen Kampfes, oder, wenn man ganz genau sein will, durch Beschlüsse der Partei ersetzt werden könnte. Das Wesentliche dieser grobschlächtigen Ethik besteht folglich darin, dass die Moral verdrängt und durch konkreten politischen Kampf ersetzt wird, der als Kampf der Arbeiterklasse für den Aufbau einer neuen sozialistischen Gesellschaft verstanden wird.

Es entsteht die Frage: inwieweit diese Vertauschung als marxistisch

 

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gelten kann, wie sie sich den ethischen Überzeugungen von Marx gegenüber verhält.

Die Ethik von Marx wird entsprechend einer Tradition, die sich in den letzten dreißig Jahren in unserer Literatur herausgebildet hat, als eine besondere Theorie der Moral gedeutet, die sich natürlich von der Theorie eines Aristoteles, Kant und anderer Philosophen unterscheidet, obwohl sie in der gleichen Reihe steht, sozusagen ihre Krönung bildet. Meiner Meinung nach ist eine solche Ansicht nicht korrekt, denn in ihr geht die historische Spezifik des Herangehens von Marx an die sittlichen, wie übrigens auch an alle anderen geistig-praktischen Probleme verloren. Die klassischen ethischen Theorien gingen von der Vorstellung der sittlichen Unvollkommenheit der Welt, von der Lasterhaftigkeit der menschlichen Sitten aus, sie alle erwuchsen aus der Konstatierung des Widerspruchs zwischen Tugend und alltäglichem Glück. Sie setzten voraus, dass die soziale und natürliche Welt in prinzipieller oder qualitativer Hinsicht unveränderlich sei, und deshalb siedelten sie die Lösung der ethischen Probleme auf geistigem, überwiegend auf individuell-geistigem Gebiet an. Die klassische Philosophie arbeitete verschiedene ethisch-normative Modelle aus (das stoische, das eudaimonistische, das utilitaristische u.a.), die vor den Individuen die Perspektive einer geistig-sittlichen Vollkommenheit entwickelten, die die unausweichliche Lasterhaftigkeit des realen gefühlsmäßigen Seins ergänzen, kompensieren könnte. Das ethische Eldorado wurde irgendwo über der Welt angesiedelt (in einer sekundären, geistigen Erfahrung, in der Motivation) oder neben ihr (ein typisches Beispiel sind philosophische oder religiöse Gemeinschaften), aber nicht in der Welt selbst. In einem solchen Verständnis war die Moral eine besondere, vorbildliche Form der menschlichen Existenz, eine spezifische geistige Bildung, die dem Individuum als Norm seiner Wesensbestimmung vorgegeben war. Sie war berufen, jene Güte, Menschlichkeit, Gerechtigkeit vor Augen zu stellen, die im alltäglichen, mit den irdischen Sorgen belasteten Leben entweder fehlen oder in unzureichendem Maße vorhanden sind.

Wie verhielt sich nun Karl Marx gegenüber der klassischen Ethik, gegenüber jenen Programmen der sittlichen Vervollkommung des Menschen und der Gesellschaft, die von ihr vorgeschlagen wurden? Hier muss man zwei Momente unterstreichen. Erstens teilte er vollständig

 

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das sozialkritische Pathos der klassischen Ethik, mit der pessimistischen Wertung der gesellschaftlichen Sitten und dem Verständnis der Moral als Lösung des Widerspruchs zwischen Individuum und Gattung, zwischen Glück und Tugend. Das normative Ideal von Marx ist das allgemeinhumanistische Ideal der europäischen Kultur: Gleichheit, Gerechtigkeit, Menschlichkeit, Liebe, Brüderlichkeit, Fähigkeit zum harmonischen Zusammenleben. In seinen Werken kann man viele Aussagen finden, die davon zeugen, dass für ihn der gute Wille, die goldene Regel der Sittlichkeit, die Würde der Persönlichkeit offensichtliche und bedingungslose moralische Wahrheiten waren. Zweitens nahm Marx an (und das unterscheidet ihn wesentlich von den Philosophen der Vergangenheit, die die Welt nur interpretierten), dass das gesellschaftliche Sein auf der Grundlage des humanistischen Ideals umgestaltet werden kann, dass die Moral vom Himmel auf die Erde zurückkehren könne, und dass sich die Tugend mit dem Glück vereinigen könne, und zwar im lebendigen Leben. Er entwarf das Ideal eines moralischen, menschenwürdigen Seins. Die kommunistische Perspektive, die er als Assoziation bezeichnet, in der die "freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist", ist dem Wesen der Sache nach nichts anderes, als das allgemein humanistische moralische Ideal, das als historische Aufgabe, als Wirkungsprogramm formuliert wurde.

Wenn man also überhaupt von einer Ethik Marx's sprechen kann, dann muss man sie als praktische Ethik bezeichnen. Marx schafft keine besondere Theorie der Moral, er stellt keinerlei neue moralische Formeln auf, und keine normativen Ideale. Marx kritisiert das moralische Bewusstsein. Er ist der Meinung, dass die Moral eine verwandelte Form von gesellschaftlichen Beziehungen ist, deren Existenz bis dahin berechtigt ist, wie das gesellschaftliche Sein durch eine innere Deformierung charakterisiert ist. In dem Maße jedoch, oder insofern, wie das gesellschaftliche Sein eine moralisch vollkommene Qualität erlangt, verliert die Existenz der Moral in Form einer Gesamtheit von abstrakten Regeln ihren Sinn, und beweist ihren illusionären Charakter. Deshalb sind die Kommunisten praktische Humanisten und vom Standpunkt der Moral, die dem lasterhaften Sein gegenübersteht, gehen sie zum Gesichtspunkt des Kampfes für ein moralisches Sein über.

Wie aber kann man von einem mit Lastern behafteten Zustand der

 

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Gesellschaft zur sittlichen, vom alten, von Bosheit zerrissenen und von Grausamkeit durchdrungenen Zustand der Welt, zur kommunistischen Brüderlichkeit übergehen, wie kann man der menschlichen Existenz einen würdigen Sinn verleihen? Wo ist die Kraft, die die Menschen auf den rechten Weg führt, und was stellt das Fegefeuer dar, durch das die Unreinen wieder rein werden? Diese Kraft ist das Proletariat, das Fegefeuer – die Revolution. So lautet Marx's Antwort. Obwohl die Arbeiter Marx in sittlicher Hinsicht mehr als andere soziale Kräfte imponierten, war er von einer Idealisierung ihrer Sitten weit entfernt. Er nahm jedoch an, dass das Proletariat sittlich wachsen wird und jenen Qualitätszustand erreicht, der für die Menschheit eine neue sittliche Perspektive eröffnet, im Zuge des Kampfs gegen den Kapitalismus, im Prozess seiner Umwandlung aus einer Klasse "an sich" in eine Klasse "für sich", zuallererst und hauptsächlich aber im Prozess der Revolution. In der "Deutschen Ideologie" gibt es Worte, denen man für gewöhnlich nicht die notwendige Aufmerksamkeit schenkt, aber sie haben eine große konzeptuelle Bedeutung. Wenn man sogar, schreiben Marx und Engels, die herrschende Klasse auch ohne eine Revolution stürzen könnte, so ist die Revolution trotzdem für den Übergang zur neuen Ordnung notwendig, denn ohne sie können die Menschen nicht die ganzen Abscheulichkeiten der alten Ordnung abwerfen. Das Proletariat erfüllt seine sittliche Mission nicht individuell, sondern kollektiv, als Klasse und auf dem Wege der politischen Revolution, und nicht der geistigen Vervollkommnung, der kulturellen Entwicklung.

Aber gerade das bedeutet doch, dass sich die kommunistische Moral mit dem revolutionären Kampf des Proletariats vereint. Die Philosophen brauchen keine neuen ethischen Formeln zu suchen, und diejenigen, die der Menschheit dienen wollen, müssen nicht in die Wüste gehen und sich der Askese unterwerfen, sich mit Wohltätigkeit beschäftigen oder auf irgendeine andere Art und Weise ihre individuelle Opferbereitschaft beweisen; der wissenschaftliche Kommunismus weist ihnen einen anderen Weg – sich dem praktischen Kampf der Arbeiterklasse zum Sturze der Macht des Kapitals anzuschließen, und der grundlegenden Umgestaltung der gesamten Lebensweise. Darin besteht Marx's prinzipielle Position. Wenn wir die Ethik von Marx nach ähnlichen normativen Kriterien beurteilen sollten, so, wie wir die Ethik des Aristoteles als eudaimonistische, und die Ethik Kants als Ethik des guten Willens bezeichnen, dann müsste sie als Ethik des revolutionären

 

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Kampfes gelten. Marx stellt nicht nur eine Verbindung der Ethik mit der Veränderung der Welt her, noch dazu mit einer Veränderung einer durchaus bestimmten (proletarisch-kommunistischen) Art, er nimmt auch an, dass eine solche weltverändernde Tätigkeit die Moral aufhebt, sie überflüssig macht in ihrer traditionellen Qualität als allgemeines absolutes Wertungskriterium. In der "Deutschen Ideologie" lesen wir: "Die Kommunisten predigen keinerlei Moral". Und als die Stalinsche Ideologie die Moral und die Ethik auf das Niveau der politischen Zweckmäßigkeit des proletarischen Staates herunterbrachte, wich sie im Großen und Ganzen nicht von der Marxschen Lehre ab. Im Gegenteil, sie folgte ihr. Dementsprechend gab es in den 30er und 40er Jahren keine Ethik als philosophische Disziplin, sie existierte nur im Rahmen der Pädagogik und der politischen Ideologie. Die Schriften von A.S. Makarenko geben den besten Eindruck vom Ethikverständnis dieser Zeit.

3. Die zweite Etappe der sowjetischen Ethik dauerte bis in die Mitte der 50er Jahre. In dieser Zeit entstand ein neues Bild der Moral, das seinen ideologischen Ausdruck im Programm der KPdSU von 1961 fand. Der Wandel des gesellschaftlichen Bewusstseins bezüglich der Moral kann in folgenden drei Überzeugungen zusammengefasst werden: a) moralische Werte und Beziehungen sind etwas Spezifisches und nicht auf sozial-politische Werte und Beziehungen reduzierbar; b) mit der gesellschaftlichen Entwicklung wächst die Bedeutung der Sittlichkeit; c) es gibt einen allgemeinmenschlichen Inhalt der Moral, der die kommunistische Moral mit allen anderen Moralsystemen der Vergangenheit verbindet. Im Moralverständnis der marxistischen Tradition stellt dies eine echte Wende dar. Diese Wende spiegelt sich auch in offiziellen Dokumenten wider; ein Indiz ist die Häufigkeit, mit der die Termini "Moral" oder "Sittlichkeit" in Parteiprogrammen auftauchen. Im ersten Programm (1903) – nur einmal. Im zweiten Programm (1919) – gar nicht. Im dritten Programm (1961) – mehr als 20-mal. Was hat diese bemerkenswerte Änderung verursacht? Sicher gibt es viele Faktoren, am wichtigsten aber erscheint mir die Kritik des Stalinismus. Die repressive Praxis der 30er Jahre, die Chrušcov geschildert hatte, war so schrecklich, dass sie sogar im Rahmen der klassengebundenen Ethik nicht mehr zu rechtfertigen war, ja diese Ethik selbst fragwürdig machte. Zu Beginn der sechziger Jahre war also der soziale Auftrag an das

 

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theoretische Denken schon herangereift und klar formuliert: es sollte die relativ selbständige Rolle der Moral im System der Triebkräfte des gesellschaftlichen Lebens begründet, der kontinuierliche Zusammenhang der kommunistischen Moral mit der sittlichen Erfahrung der Vergangenheit aufgezeigt werden. Seine Erfüllung erforderte es, die Ethik als ein besonderes Wissensgebiet zu formieren, und gab ihr ein bestimmtes Forschungsgebiet vor. Und die Ethik erschien wirklich als selbständige Wissenschaft und Unterrichtsdisziplin, und man muss sagen, im Wesentlichen erfüllte sie ihre Aufgaben sehr gut.

Das Wesen und die Spezifik der Moral – so könnte man die thematische Hauptrichtung der theoretischen Forschungen auf dem Gebiet der Ethik in den sechziger und siebziger Jahren formulieren. Diese ganze Zeit über war die Ethik um eine Bestimmung der Moral bemüht. Davon zeugen schon die Titel der in diesen Jahren erschienenen Bücher: "Der Begriff der Moral", "Gegenstand und System der Ethik", "Sittliche Beziehungen", "Moral und ethische Theorie", "Die Struktur des sittlichen Bewusstseins", "Die soziale Natur der Sittlichkeit", "Ethisches Bewusstsein" u.a. Die in unserer Literatur zahlreich vertretenen ethischen Systematisierungen (Lehrbücher) legten ebenfalls den Schwerpunkt auf theoretisch-methodologische Probleme, die mit der Klärung des Wesens der Moral verbunden sind. Aber auch wenn konkrete Probleme untersucht wurden, erhitzten sich die Gemüter meistens wieder bei der Frage ihrer Spezifik als sittliche Phänomene (ein typisches Beispiel dafür ist die Erforschung der Problematik des sittlichen Fortschritts, wobei die zentrale Frage darin bestand, ob und wie sich der sittliche Fortschritt vom sozialen unterscheidet).

Obwohl wir das Problem als "Wesen und Spezifik der Moral" bezeichnet haben, bestand der Gegenstand des wissenschaftlichen Interesses – ich würde sogar sagen: einer beneidenswerten theoretischen Hartnäckigkeit – in Wirklichkeit nur in der Frage nach ihrer Spezifik. Es ist bemerkenswert, dass das Spezifische der Moral vorwiegend durch die Gegenüberstellung mit anderen sozialen Erscheinungen gleicher Ordnung – der Politik, dem Recht, der Kunst, den Bräuchen herausgestellt wurde. Die konkreten theoretischen Lösungen erwiesen sich als unterschiedlich, es wurde eine ganze Reihe davon formuliert, die, obwohl sie von verschiedenen philosophiegeschichtlichen Traditionen angehaucht waren, durchaus originelle Konzeptionen der Moral

 

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darstellten, die das ethische Wissen bereicherten. Bei allen Unterschieden in Inhalt und Niveau, bei aller mitunter eindeutigen und zielgerichteten Polemik, sind sie dennoch von dem einheitlichen Bestreben durchdrungen, das Eigentümliche und Besondere, die Einzigartigkeit und Unersetzbarkeit der Moral zu begründen. Und in diesem Sinne erfüllten sie alle eine und dieselbe soziale Funktion: sie bewiesen, dass die Moral nötig ist, dass ohne sie das allgemeine Bild des Menschen und der Kultur arm, dürftig wird; dass sie in der Gesellschaft einen besonderen Platz einnimmt, mit Notwendigkeit andere gesellschaftliche Strukturen ergänzt, vor allem Politik und Recht; dass moralische Wertungen und Kriterien eine relative Selbständigkeit besitzen, ihre Logik und ihren Anwendungsbereich haben. Mit einem Wort, sie sanktionierten ideell und sicherten theoretisch den sich real in der Entwicklung der sowjetischen Gesellschaft vollziehenden Prozess der Legitimierung der Moral als einer der Formen des gesellschaftlichen Lebens.

Die Herausbildungsperiode der sowjetischen Ethik, als sie sich überwiegend mit der Bestimmung der Moral beschäftigte, erreichte ihren Höhepunkt, und in prinzipieller Hinsicht auch ihren Abschluss in der Mitte der siebziger Jahre (wir bemerken am Rande ein interessantes Detail, dass die größte Anzahl der Schriften, vielleicht auch die in konzeptioneller Hinsicht bedeutendsten 1974 erschienen sind). Diese Etappe der sowjetischen Ethik repräsentiert am besten das Buch von O. G. Drobnickij: "Der Begriff der Moral". (1974)

4. Zum Ende der siebziger Jahre beginnt sich im gesellschaftlichen Bewusstsein ein neues Modell der Sittlichkeit zu formieren, das in der Mitte der achtziger Jahre zum vorherrschenden wird. Gemeinsame Gründe hierfür lagen einerseits darin, dass man sich der immer stärker anwachsenden Einheit und der Wechselbeziehungen der Welt bewusst wurde, dass sich der Umfang und der Anteil der globalen Probleme erhöhten, und andererseits in den Faktoren der inneren Entwicklung, die die Umgestaltung, die Perestrojka stimulierten.

Für das neu entstandene Bild der Moral sind wenigstens drei Momente charakteristisch: erstens wird die Sittlichkeit nicht als eine unter vielen Erscheinungen des geistigen Lebens betrachtet, sondern als Grundlage des Geistigen und der Kultur überhaupt. Die Moral wird, unabhängig davon, ob es sich um wirtschaftliche Fragen, um die

 

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wissenschaftlich-technische Entwicklung, um Bildung, oder Städtebau usw. handelt, als allgemeine Basis, als Ausgangspunkt der Überlegungen anerkannt. Zweitens sieht das gesellschaftliche Bewusstsein in der Sittlichkeit ein allgemein-menschliches Phänomen, das nicht gegen sozial begrenzte Ziele eingetauscht werden kann (ganz gleich, ob es sich um Nationen, Klassen oder andere menschliche Gemeinschaften handelt). Drittens wird das neue Verständnis der Moral bis zur Bestätigung des Primats moralischer Werte gegenüber politischen Zwecken fortgeführt. Die Überzeugung, dass keinerlei politisch-staatliche Zweckmäßigkeit die Verletzung sittlicher Normen, z.B. der menschlichen Güte und des Anstandes rechtfertigen kann, zeigt sich am deutlichsten im neuen – sittlich orientierten! – Verständnis der tragischen Seiten der sowjetischen Geschichte.

Die angeführte kurze Charakteristik zeigt, was für eine Wandlung in den siebzig Jahren der Geschichte unseres Landes in den gesellschaftlichen Vorstellungen von der Moral vor sich gegangen ist: von der Negation der Moral unter dem Vorwand, dass der proletarische Klassenstandpunkt sie überflüssig macht, bis hin zu Anerkennung des Primats der moralischen Werte gegenüber den klassenmäßigen; von der Negation wie auch immer gearteter allgemeinmenschlicher Momente im Inhalt der Moral bis zum Gedanken, dass die Moral von Anfang an und ihrer Natur nach allgemeinmenschlich ist. Ein bemerkenswerter Kontrast: im Jahre 1930, auf dem XVI. Parteitag, sagte Tomskij in einer Rede, dass es eines Bolschewisten unwürdig ist, zu bereuen, und "der Begriff 'Reue' selbst ist nicht unser, sondern ein kirchlicher Begriff"; in den Jahren 1986–87 jedoch wurde der Begriff der "Reue" (zum Teil dank des gleichnamigen Films von T. Abuladse) zu einem Symbol des neuerworbenen Niveaus der moralischen Reife der Gesellschaft. Man muss jedoch unbedingt bemerken, dass eine derartig "zerrissene" Linie der Kontinuität auf dem Gebiet der Moral eine gewisse Gesetzmäßigkeit darstellt. Die Beziehungen jedes neuentstandenen Systems der Sittlichkeit zu dem ihm vorausgehenden ethisch-humanistischen Erbe formierten sich im allgemeinen nach dem gleichen Schema: von der Negation bis zur Aneignung. Davon kann man sich leicht überzeugen, wenn man sich an die Geschichte des Verhältnisses der christlichen Ethik zur antiken oder des bürgerlich-puritanischen Ethos zum Ritterethos erinnert.

 

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Das neue Bild der Moral, das im Bewusstsein unserer Gesellschaft die Herrschaft erlangt hat, und das einen wichtigen, wenn nicht den zentralen Platz in der Ideologie der Umgestaltung einnimmt, schließt sich eng an das an, was man für gewöhnlich als abstrakten Humanismus bezeichnete, und stimmt sogar mit ihm überein. Seine ideelle Grundlage besteht in der Anerkennung des Selbstwerts der Persönlichkeit, des Primats der allgemeinmenschlichen Werte. Als philosophische Disziplin ist unsere Ethik zur Zeit nicht fähig, diese neuen und weithin akzeptierten Moralvorstellungen, positiv anzueignen und zu untersuchen. Dazu fehlen ihr die methodologischen und theoretischen Grundlagen. Z.B. vertrat unsere Ethik bisher den Standpunkt des prinzipiellen Historizismus. Wie kann man unter dieser Voraussetzung die Idee absoluter Moralprinzipien interpretieren? Sehr schwer, oder besser gesagt: unmöglich. Oder nehmen wir die heute herrschende Überzeugung, dass die Moralwerte die Grundlage der Kultur insgesamt sind. Wie kann man diese Überzeugung mit der Idee in Einklang bringen, die Moral gehöre zum Überbau? Auch schwer, genauer gesagt: unmöglich.

Wie entwickelt sich unsere Ethik weiter? Die Antwort hängt selbstverständlich mit der Entwicklung der allgemeinen politischen Situation in unserem Lande eng zusammen. Hier ist aber eine wichtige Unterscheidung zu machen. Was mit der Perestrojka im ökonomischen und politischen Bereich geschehen wird, können wir nicht voraussagen. Aber was Glasnost betrifft, die bleibt, wenn auch vielleicht nicht in der heutigen breiten und manchmal unverantwortlichen Form. Glasnost ist zu weit fortgeschritten, um noch einmal ganz zurückgeschraubt zu werden. Für die Ethik ist das das Wichtigste und wir können deshalb einige Spekulationen über ihre mögliche künftige Entwicklung anstellen.

Gemessen an den zielstrebigen Bemühungen des europäischen Denkens in den letzten drei Jahrhunderten, Ethik wissenschaftlich zu begründen, hat die sowjetische Ethik noch mindestens zwei Probleme zu bewältigen.

Erstens muss sie sich professionalisieren. Die sowjetische Ethik war und bleibt bis jetzt eine eigenartige Mischung von philosophischen Untersuchungen und populären Darstellungen, von rationaler Theorie und politischer Ideologie, wie sie nur in einem Ideologiestaat, wo die politischen Machthaber zugleich die Funktion der geistigen Führer übernehmen, möglich war. Unsere Ethikbücher sind nur zum geringsten

 

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Teil entweder als wissenschaftliche oder als populäre Werke einzuordnen. Die Professionalisierung der Ethik als einer eigenen Fachdisziplin ist vor allem deshalb schwierig, weil die analytische Tradition, diese mächtige Strömung der Philosophie des XX. Jahrhunderts, keinen bemerkenswerten Einfluss auf die Entwicklung der sowjetischen Ethik hatte. Die Aneignung der analytischen Methoden ist m.E. die nächste und wichtigste Aufgabe der sowjetischen Ethik auf ihrem Weg zum rationalen Wissen.

Zweitens muss die sowjetische Ethik nicht nur ihre fachliche, sondern auch ihre theoretische Identität finden. In dieser Hinsicht besteht das Hauptproblem darin, ob eine marxistische Ethik im positiven Sinne des Wortes überhaupt möglich ist. Der Marxismus vertritt ja den Standpunkt, dass die geschichtliche Situation, in der die Moral (ebenso wie die Religion, die Kunst usw.) als eine besonders selbständige Form des geistigen Lebens existiert, überwunden werden muss. Und er bietet eine starke, vielleicht die beste Kritik an Moral und Ethik an. Kann er weitergehen, Moral als eine anthropologische Konstante akzeptieren und eine positive ethische Theorie entwickeln? Das ist eine offene Frage. Die sowjetischen Ethiker, wie überhaupt die sowjetischen Menschen, sind jetzt in ihrem Denken frei gelassen. Die Zeit ist vorbei, in der der Marxismus obligatorisch war. Jetzt muss jeder selbst finden, was er ist und selbst entscheiden, wer er sein soll. Wahrscheinlich werden einige, diesmal freiwillig, wieder den Marxismus wählen. Auf jeden Fall hat die sowjetische Ethik, um eine neue theoretische Grundlage oder besser: um neue theoretische Grundlagen zu finden, auch diese Frage zu beantworten.