Abdussalam A. Gussejnow

Die Idee des Absoluten als Bedingung der Moglichkeit von Moral

// Der Mensch und seine Frage nach dem Absoluten. Ein deutsch-russischen Symposion / Hrsg. Peter Ehlen. Munchen: Peter Kindt Verlag, 1994. S. 59–77.


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In diesem Beitrag geht es um das Absolute in der Ethik. Ich habe meine Überlegungen in drei Teile untergliedert: 1. Philosophische Hintergründe der Frage nach dem Absoluten. 2. Begründung der Absolutheit der Moral: von Sokrates bis Kant. 3. Wie kann absolute Moral in einer relativen Welt funktionieren?

 

1. Philosophische Hintergründe der Frage nach dem Absoluten

 

Das Rahmenthema des Symposions gilt nicht dem Absoluten an sich selbst, sondern dem Verhältnis des Menschen ihm gegenüber. Eine so vorsichtige Formulierung hat den Vorzug, dass sie vor vielen Schwierigkeiten bewahrt, die bei den Bemühungen um die Erkenntnis des Absoluten entstehen. Denn selbst wenn das Absolute an sich außerhalb der Grenzen der Erkenntnis liegen sollte, so gibt es doch unbestreitbar die Versuche, es zu erkennen. Wenn man über das Absolute an sich selbst nichts sagen kann, der Mensch sich aber dafür interessiert, so weiß er doch irgendwie, worüber er spricht. Es ist logisch anzunehmen, dass die Frage nach dem Absoluten nicht das ausdrückt, was sie intendiert. Diese Frage ist ihrem Gegenstand nicht angemessen.

Beginnen wir mit dem epistemologischen Aspekt: Man kann das Absolute an sich also nicht denken. Das Denken des Absoluten oder der absolute Gedanke, die Erkenntnis

 

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des Absoluten oder die absolute Erkenntnis (zwischen diesen Begriffen sehe ich keinen Unterschied) ist eine contradictio in adjecto. Das Absolute kann nicht in die Grenzen des Bewusstseins und der Sprache eingeschlossen werden. Denn etwas im Bewusstsein zu erfassen oder in der Sprache auszudrücken, bedeutet es zu begrenzen. Ein rationaler Gedanke über das Absolute unterliegt demnach einem logischen Verbot. Wenn die erkennende Vernunft die Frage nach dem Absoluten an sich stellt, setzt sie sich über die Forderungen der Logik hinweg. Es wäre logisch anzunehmen, dass das Motiv, welches sich hinter dem epistemologischen Interesse am Absoluten verbirgt, der Wunsch der erkennenden Vernunft ist, eine feste Stütze zu erhalten. Die wirkliche Erfahrung der Erkenntnis untermauert jedoch eine solche Annahme nicht: Die Versuche der Erkenntnis des Absoluten stürzen die Vernunft vielmehr in den Strudel der Dialektik, derzufolge alle Unterschiede relativ sind.

Im Rahmen der Dialektik hört selbst das Absolute auf, absolut zu sein, oder genauer, es ist in dem Maße absolut, in dem es dem Relativen gleicht. Zumindest bei Hegel besteht eine innere Verbindung zwischen der Idee des Absoluten und dem dialektischen Prinzip der Identität der Gegensätze, die bis zur Identität von Wahrheit und Irrtum führt. Die Idee des Absoluten führt also nicht zum erkenntnistheoretischen Dogmatismus, sondern zum Relativismus in der Erkenntnis. Das bedeutet, dass die Konsequenz der Erkenntnis des Absoluten nicht darin besteht, eine feste Stütze zu finden, sondern im Gegenteil zu relativieren. Ein Philosoph, der sich bemüht, eine Definition des Absoluten zu geben, wird in Wirklichkeit vom Zweifeln an seiner Existenz geleitet. Hinter der Frage «Was ist das Absolute?» steht die Frage, ob das Absolute existiert.

Eine solche Wendung des Sinns der Frage nach dem Absoluten ist auch in der Moralphilosophie anzutreffen: Zuerst muss bemerkt werden, dass der Mensch nicht erst dann

 

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auf das Problem des absoluten Grundes der Sittlichkeit, des unbedingten sittlichen Gesetzes stößt, wenn er sich bewusst mit dieser Frage beschäftigt. In der realen menschlichen Erfahrung geht das Absolute selbst dem Gedanken an das Absolute voraus. In der personalen Erfahrung erscheint die absolute Sittlichkeit als eine unbezwingliche, geradezu irrationale Kraft, die erst im Nachhinein als «Stimme des Gewissens» bezeichnet wird. Historisch gesehen gibt es ebenfalls eine Vielfalt vorreflexiver «Codes» des Absoluten. Darunter verdienen vor allem die beiden folgenden Erwähnung: erstens das unbedingt Kategorische der natürlichen moralischen Sprache; zweitens die axiologische Vorbedingtheit, die in allen ihren Formen die Asymmetrie von Gut und Böse zeigt. Das Bewusstsein ist sozusagen von einem sittlich-axiologischen Ring umgeben. Deshalb ist es dem Menschen grundsätzlich nicht möglich, sich von der Moral zu befreien, selbst wenn er es wollte. Sogar die entschiedensten Kritiker der Moral wie Nietzsche oder Trotzki wenden eine verdeckte moralische Argumentation an. Nietzsche möchte einen Standpunkt jenseits von Gut und Böse vertreten, der seiner Meinung nach eine Perspektive für die höchste Macht des Menschen eröffnet. Er tritt gegen das Mitleid auf, da es erniedrigt. Trotzki kritisiert die Idee der ewigen humanistischen Moral, weil sie angeblich die Unterdrückung des Menschen verdeckt und rechtfertigt; wenn er jedoch die Unterdrückung als etwas Böses verurteilt, stellt sich Trotzki unmerklich auf die gleiche Stufe der allgemeinmenschlichen Moral, die er ausdrücklich widerlegen will. Überhaupt ist eine logisch widerspruchsfreie Begründung des moralischen Nihilismus ein Ding der Unmöglichkeit, wodurch noch einmal die ursprüngliche und prinzipiell nicht zu beseitigende Axiologizität des sittlichen Bewusstseins bewiesen wird. Mit einem Wort, die philosophische Ethik entdeckt das in der Lebenspraxis vorweg schon gegebene Faktum der absoluten Moral und versucht, es

 

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im Nachhinein zu verstehen. Das rationale Nachdenken über das moralische Absolute ist sekundär, derartig sekundär, dass die Philosophen vor Hume überhaupt nicht bemerkten, dass die moralischen Urteile den Charakter eines absoluten Sollens besitzen, und nach Hume zerbrechen sie sich den Kopf über dieses nicht zu erfassende Geheimnis.

Was regt den Menschen zum ethischen Nachdenken an? Das ist eine besondere Frage, die nicht durch Hinweis auf die Quellen des rationalen Denkens als solchen beantwortet werden kann. Erstens deshalb, weil das Ziel der Ethik, wie schon Aristoteles bemerkte, «nicht Erkenntnis, sondern Handeln» ist(1), und zweitens deshalb, weil es sich um Moral handelt, um ein Phänomen, das auf Absolutheit Anspruch erhebt, laut Definition für sich selbst genügend ist. Absolute Moral, die sich rationaler Kritik stellt, ist nicht überheblich, vielmehr bescheidet sie sich, indem sie sich den Maßstäben der Vernunft unterstellt; sie zeigt, dass sie sich ihrer selbst nicht sicher ist. Das Problem der rationalen Begründung der Ethik bedarf selbst einer vorausgehenden Begründung.

Die Ansicht, dass die philosophisch-ethischen Begründungen der Absolutheit der Moral relativiert werden – sowohl durch die faktische Vielfalt der materiellen Prinzipien der Sittlichkeit in den verschiedenen Kulturen als auch durch Änderungen im Prozess der Evolution ein und derselben Kultur –, ist weit verbreitet. Wenn die Geltung moralischer Normen in einem Wertekonflikt in Frage gestellt werden – wenn, wie Kant sagt, das Individuum sich vor gegensätzliche Ansprüche gestellt sieht –, dann ergibt sich das Bedürfnis, die philosophische Vernunft als Schiedsrichter anzurufen.

Das ist zwar richtig, jedoch muss konkretisiert werden: Die Individuen denken in der Regel über die Begründung ihrer Position dann nach, wenn sie einen Grund für deren

 

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Änderung finden müssen. Die Ethik wird aus Versuchungen und Zweifeln geboren. Das, was evident ist, bedarf keiner rationalen Argumentation. Ein Axiom muss nicht bewiesen werden. Erst wenn man beginnt, Beweise der absoluten Moral zu suchen, so zeigt das gerade, dass sie ihren axiomatischen, absoluten Charakter verloren hat. Wenn der Mensch sich die Frage stellt, warum er die eine oder andere Norm beachten sollte, so wird darunter meist verstanden, dass man sie auch verletzen könne. Wenn er jedoch über die Begründung des moralischen Gesetzes nachdenkt, so handelt es sich meistens um die Frage: Was ist für mich moralisch geboten? Hinter den theoretischen Anstrengungen hinsichtlich der Absolutheit der Moral verbergen sich praktische Bedürfnisse nach einer Relativierung ihres konkreten materiellen Inhalts.

 

2. Begründung der Absolutheit der Moral: von Sokrates bis Kant

 

Das Problem des Absoluten in der Ethik stimmt mit dem Problem der Begründung der Moral überein. Wenn man die Versuche der Begründung der Moral in der Geschichte der Philosophie betrachtet, mit Sokrates als Ausgangs- und Kant als Endpunkt, so sehen wir, dass die Ethik einen eigentümlichen, für das Verständnis des uns interessierenden Gegenstandes sehr wichtigen Kreis durchlaufen hat.

Die Überlegungen von Sokrates, und in gewissen Sinne die eigentliche Geschichte der europäischen philosophischen Ethik, begannen mit einer interessanten Beobachtung: Die Menschen verwenden einige Begriffe wie zum Beispiel Gerechtigkeit, Tapferkeit, Schönheit, wissen aber nicht, was sie bedeuten, wie man sie definieren könnte. Die Paradoxie besteht darin, dass diese Begriffe, über die sich die Menschen keine Rechenschaft geben können, als

 

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die wichtigsten angesehen werden, indem man bei der Lösung praktischer Fragen an sie als an die höchste und letzte Instanz appelliert. Es erweist sich also, dass die Menschen wie Blinde handeln, dass sie sich einem ebenfalls blinden Führer anvertrauen.

Sokrates teilte die Überzeugung seiner Zeitgenossen, dass es sich hier um erstrangig wichtige Dinge handelt, die dem Menschen eine Orientierung im Leben geben. Mehr noch, er machte diese Überzeugung zum Ausgangspunkt seines Philosophierens: Wenn die Menschen nach der Tugend als dem Wichtigsten im Leben streben, so muss man dieses Streben, sein Ziel und was sein Erreichen behindert, klären. Zweifellos streben die Menschen nach Nutzen, nach Vergnügungen. Wenn sie fähig wären, Nutzen und Vergnügungen richtig zu bemessen, so wären sie durchaus glücklich. Folglich besteht das Problem im Bemessen oder im Wissen darum, was nützlich und schädlich ist. Daraus, dass die Tugend das Allernützlichste ist, ergibt sich, dass sie Wissen ist(2).

So schloss sich die Moral mit Logik und theoretischer Erkenntnis zusammen. Gemäß der Sokratischen Reduktion der Tugend auf das Wissen stimmt eine sittliche Entscheidung mit einer rational begründeten Entscheidung überein, eine ethische Überzeugung erhält Gesetzeskraft nur durch logischen Zwang.

Die Tugend ist also ein Wissen. Aber welche Erkenntnisinhalte sind nun in der Tugend und ihren Formen wie Gerechtigkeit und Tapferkeit enthalten? Die Gesprächspartner des Sokrates wissen es nicht und ihre positiven Behauptungen sind der Sokratischen Dialektik nicht gewachsen. Aber auch Sokrates weiß es nicht, der sich von seinen Gesprächspartnern nur dadurch unterscheidet, dass er «freilich auch nichts wisse, es sich aber auch nicht einbilde»(3). Das «Ich

 

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weiß, dass ich nichts weiß» ist eine der Schlüsselthesen der Sokratischen Ethik, dem Wesen nach sein positives Programm.

Um den ethisch-normativen Sinn dieser These zu verstehen, muss man berücksichtigen, dass entsprechend der Sokratischen Logik des Urteilens das Wissen um die Tugend und das tugendhafte Handeln ein und dasselbe sind. Das bewusste Böse ist unmöglich; denn es ist unmöglich, sich vorzustellen, dass ein Mensch gern nach Leiden strebt, dass er im Schaden einen Nutzen finden kann. Deshalb bedeutet das Wissen um die Tugend ihre unbeugsame, eindeutige Verwirklichung. Die Menschen sind jedoch mit den jeweils gegebenen Sitten unzufrieden, sie sind weit von der Tugend entfernt, und das ist ein unwiderlegbarer Beweis, dass sie kein adäquates Wissen besitzen. So gelangte Sokrates zum Bewusstsein des Nichtwissens. Unter der entgegengesetzten Voraussetzung von Wissen müsste die Moral als verwirklicht angesehen werden. Dann wäre das Unendliche gewissermaßen abgezählt.

Die Sokratische Behauptung «Ich weiß, dass ich nichts weiß» hatte keinen skeptischen Sinn. Sie eröffnete eine begründete Perspektive für moralische Vervollkommnung. Denn wenn Tugend Wissen ist, ich aber dieses Wissen nicht besitze und zugleich von diesem Nichtwissen weiß, so muss ich die Suche fortsetzen. Das Paradoxon des Nichtwissens bekräftigt die erstrangige Bedeutung (und in diesem Sinne die Absolutheit) der Tugend im Leben des Menschen. Für Sokrates hätte eine positive Formulierung der Tugend die Tugend in ihrer spezifischen Qualität als eine Kraft, die den Menschen erhöht, zerstört. Was ein Faktum ist, kann keine Aufgabe sein.

Sokrates hatte keine bestimmten Kenntnisse über die Tugend. Aber er war unbedingt davon überzeugt, dass es ein solches Wissen gibt. Sein Schüler Platon knüpfte an dieser Stelle an die Gedanken seines Lehrers an. Er ging von folgender Annahme aus: Wenn sein Lehrer in dieser

 

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Welt keine Grundlagen für die Tugend finden konnte, so existiert offensichtlich eine andere Welt, der die moralischen Begriffe ihr Sein verdanken. So entsteht die Konzeption der Platonischen Welt der Ideen, in der die Idee des Guten herrscht. Die Platonischen Ideen besitzen jene Qualitäten der Absolutheit, der Vollkommenheit, der Echtheit, und sie sind hinreichend ohne zusätzliche Begründung – also gerade die Qualitäten, die der Mensch mit den moralischen Begriffen verbindet. Faktisch besteht die Platonische Lösung des Problems der Begründung der Moral darin, dass er es umkehrte: Er postulierte die Moral ganz einfach als höchste Realität. Die Verwurzelung der Moral in der Welt, die Suche nach ihren objektiven Grundlagen war für ihn schon kein Problem mehr. Dagegen wurde die moralische Berechtigung der Welt, die Suche ihrer idealen ursprünglichen Prototypen zum Problem. Damit waren die moralischen Ideen von der Persönlichkeit entfremdet. Dies widerspricht aber der ursprünglichen Bestimmung der Moral; denn diese erhält ihren Sinn nur im Kontext des konkreten Verhaltens, und zwar als regulierende Kraft. Platon benötigte seine ganze lebhafte Phantasie, um die intime Verbindung des Menschen mit der Moral wiederherzustellen: Seelenwanderung, Karossen am Himmel und vieles andere. – Platon, der Künstler, übermalt die Sünden Platons, des Philosophen.

Aristoteles rationalisierte den Sinn der philosophischethischen Konstruktion von Platon und kam zu der Schlussfolgerung, dass der ausgezeichnete Status der Moral im System des menschlichen Geistes durch das besondere Ziel bestimmt wird, auf das sie sich richtet. Seine bemerkenswerten Ausführungen zu diesem Thema am Beginn der Nikomachischen Ethik sind gut bekannt: Jedes praktische Können strebt nach seinem Ziel, es gibt viele Formen praktischen Könnens und eine Vielzahl von Zielen: Dabei ist das Ziel des übergeordneten Könnens höheren Ranges als das des untergeordneten: «um des ersteren willen

 

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wird ja das letztere verfolgt»(4). Damit menschliche Praxis möglich ist, muss man die Existenz eines Endziels voraussetzen, das sich selbst genügt, das niemals zum Mittel werden kann, «was des höchstens Preises würdig und vollkommen ist». Dieses Endziel ist das höchste Gut: Für Aristoteles ist es das Glück. Die ethische Tugend erweist sich als der zuverlässigste Weg zum höchsten Gut: «Denn bei keiner menschlichen Leistung ist soviel ruhige Beständigkeit gewährleistet, wie bei den Betätigungen sittlicher Trefflichkeit» und «in ihnen erfüllt der Glückselige ganz besonders tief und unablässig den Sinn seines Lebens»(5). Nach Aristoteles wird also die Absolutheit der Moral durch die Absolutheit des Ziels bestimmt, auf das sie gerichtet ist (gerichtet in dem Sinne, dass sie ein Mittel des absoluten Ziels ist und dass beide gattungsgleich sind).

Die Begründung der Moral in der Absolutheit ihres Ziels und die entsprechende Unterteilung der ethischen Theorie in zwei Teile – die Lehre über die Güter und die Lehre über die Tugend – wurde zur grundlegenden, wenn auch nicht einzigen Tendenz in der nacharistotelischen Philosophie. Eine solche theoretische Konstruktion ist trotz ihrer unbestreitbaren logischen Vorzüge und ihres begeisternden menschlichen Pathos verletzlich, und zwar gerade als Denkfigur einer Begründung der Absolutheit der Moral. Ein Ziel, das auf ethische Absolutheit Anspruch erhebt, sollte von allen als höchstes Ziel anerkannt sein. Es ist jedoch nicht leicht, materiale Ziele zu finden, die als Endziele in Frage kommen könnten. Jedenfalls war keines der Ziele, die in den Systemen der Geschichte der Ethik als absolute Ziele postuliert wurden, allgemein anerkannt. Sogar hinsichtlich der Glückseligkeit als des höchsten Guts war Aristoteles gezwungen, sich vorsichtig auszudrücken: «In seiner Benennung stimmen fast alle überein».

 

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«Das Glück – so sagen die Leute und so sagen die feineren Geister»(6): Fast alle, aber eben nicht tatsächlich alle. Selbst wenn es gelingen würde, das Problem des absoluten Ziels zu lösen, und gerade dann, wenn es gelingen sollte, würde die Moral ihre festen Grundlagen verlieren, anstatt sie zu finden. Ein absolutes außermoralisches Ziel mindert den Rang der Moral. Es würde bei allen Einschränkungen und Unterscheidungen, die in diesem Zusammenhang angeführt werden, die Moral auf die Stufe eines Mittels stellen. Die Begründung der Moral durch ein anderes, außerhalb der Grenzen der Moral selbst liegendes Ziel widerspricht der Idee der absoluten Moral. Deshalb ist es durchaus berechtigt, dass gerade der Denker, der vor allem am Problem der Absolutheit der Moral interessiert war, nämlich Kant, entschieden gegen diesen Typ der Begründung auftrat. Kant brach in diesem Sinne entschieden mit der Tradition, er erklärte, dass eine jegliche Heteronomie des Willens die Quelle unrichtiger Prinzipien der Sittlichkeit sei. Kants Begründung der Moral ist, wenn man sie mit der Tradition vergleicht, ungewöhnlich. Es muss in diesem Zusammenhang mit Hinweisen auf einige ihrer Besonderheiten sein Bewenden haben:

Die Idee des sittlichen Gesetzes, der unbedingten Pflicht und des ohne Einschränkung guten Willens bilden das, was man als absolute Sittlichkeit bezeichnen könnte. Aber in der Ethik Kants erscheinen sie nicht als Schlussfolgerungen, sondern als Ausgangsgründe. Es sind Begriffe a priori. Sie sind mit der Vernunft gegeben: «in der gemeinsten Menschenvernunft eben sowohl, als der im höchsten Maße speculativen», wie Kant in der «Grundlegung zur Metaphysik der Sitten» unterstreicht(7). Kant zufolge gelingt es der Philosophie, das Bedürfnis der gemeinen praktischen Vernunft an einer umfassenden

 

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Kritik zu befriedigen, indem sie die sittlichen Begriffe a priori, befreit von empirischen Überlagerungen, in Reinform vorstellt.

Wir wissen daher ursprünglich, also vor der philosophischen Reflexion, dass die Moral ein Absolutheitsmoment mit sich führt. Dieses Wissen ist gleichsam ein «Personalausweis» der praktischen Vernunft. «Jedermann muss eingestehen, dass ein Gesetz, wenn es als moralisch, d.i. als Grund einer Verbindlichkeit, gelten soll, absolute Nothwendigkeit bei sich führen müsse», lesen wir bei Kant im Vorwort der «Grundlegung zur Metaphysik der Sitten»(8). Da das sittliche Gesetz absolute Notwendigkeit besitzt, ist das Problem seiner Begründung schon vorentschieden. Das Absolute kann nicht von etwas anderem, was es auch immer sei, abgeleitet werden: Es hat seine Begründung in sich selbst. Deshalb erweist sich die Herstellung von Verbindungen zwischen den sittlichen Begriffen, die Art ihrer Synthese im Urteil, als Begründung des sittlichen Gesetzes. Die Begründung und Formulierung des moralischen Gesetzes, die Herausstellung seiner Grundlagen und die Klärung seines Inhalts sind ein und derselbe Akt. Nur im Falle eines hypothetischen Imperativs kann man den Inhalt nicht bestimmen, bevor nicht seine Bedingungen gegeben sind. Den kategorischen Imperativ kann man ohnehin nicht denken, ohne zu wissen, was er enthält.

Was ist nun die Grundlage des sittlichen Gesetzes, die gleichzeitig sein Inhalt wäre? Oder anders ausgedrückt: Wie muss der Inhalt des Sittengesetzes beschaffen sein, dass er gleichzeitig seine Grundlage bilden kann? Das eine wie das andere ist mit der Allgemeinheit des Gesetzes gegeben. «Denn da der Imperativ außer dem Gesetze nur die Nothwendigkeit der Maxime enthält, diesem Gesetze gemäß zu sein, das Gesetz aber keine Bedingung enthält, auf die es eingeschränkt war, so bleibt nichts als die

 

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Allgemeinheit eines Gesetzes überhaupt übrig, welchem die Maxime der Handlung gemäß sein soll, und welche Gemäßheit allein den Imperativ eigentlich als nothwendig vorstellt», heißt es bei Kant in der «Grundlegung»(9). Dann folgt die berühmte Formel des kategorischen Imperativs.

Das «Geheimnis» der Absolutheit der Moral ist also in der Allgemeinheit des moralischen Gesetzes beschlossen. Das bedeutet der Sache nach, dass das Absolute die Moral selbst ist. Oder, anders ausgedrückt, der Mensch hat es mit keinem anderen Absoluten außer der Moral zu tun. In der Identifikation des Absoluten mit der Moral besteht meines Erachtens die Kantische Lösung des Problems. Sokrates brachte die Überzeugung einer Existenz der absoluten Moral zum Ausdruck, konnte sie jedoch nicht bestimmen. Kant hat die Gründe für die Auffassung formuliert, dass die absolute Moral das einzige Absolute ist. So treffen also in der Geschichte der philosophischen Ethik Anfang und Ende aufeinander; der Kreis schließt sich. Das, was bei Sokrates durch den Daimon bestimmt wurde, wird bei Kant in strengen philosophischen Formeln durchdacht. Aber Kant musste einräumen, dass das Verständnis dessen, wie reine Vernunft praktisch sein könne, die menschlichen Möglichkeiten übersteigt. In diesem Sinne ist die Verbindung zwischen Kant und Sokrates viel enger, als man allgemein annimmt. Besonders, wenn man sich an die letzte Redewendung der «Grundlegung» erinnert: «Und so begreifen wir zwar nicht die praktisch unbedingte Nothwendigkeit des moralischen Imperativs, wir begreifen aber doch seine Unbegreiflichkeit, welches alles ist, was billigermaßen von einer Philosophie, die bis zur Grenze der menschlichen Vernunft in Principien strebt, gefordert werden kann»(10) .

Die Suche nach dem Absoluten in der Moral führte zu dem unerwarteten Ergebnis, dass es in der Moral nichts

 

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Absolutes gibt, außer der Idee des Absoluten selbst. Die Philosophen formulierten verschiedene moralische Prinzipien; Kant machte dem eine Ende, indem er erklärte, dass ein einheitliches allgemeines Sittengesetz existiert, das fordert, sich nur von solchen Prinzipien leiten zu lassen, die auch zu allgemein gültigen werden können. Kann man ein solches Ergebnis als enttäuschend bezeichnen? Alles, was man vom Standpunkt der Logik, der Geschichte, der Anthropologie und des gesunden Menschenverstandes gegen die Kantische Begründung der Moral anführen kann, wurde schon vielfach gesagt, wie zum Beispiel von Hegel und Schopenhauer. Dennoch bewahrt die Kantische Lösung des Problems ihre Anziehungskraft. Auf jeden Fall ist sie inner- und außerhalb der Philosophie bekannter und einflussreicher geworden, als die nachkantischen Versuche einer Begründung der Ethik auf materialen Prinzipien. Einen Grund hierfür sehe ich darin, dass sie den realhistorischen Erfordernissen besser entspricht.

 

3. Wie kann eine absolute Moral in einer relativen Welt funktionieren?

 

Wie die Sonnenstrahlen, die in die Erdatmosphäre eindringen, abgeschwächt werden und dadurch die Erde beleben, die sie bei direkter Einwirkung unbedingt verbrennen würden, so verlieren auch die moralischen Motive, wenn sie sich mit den Motiven der Zweckmäßigkeit verbinden, zwar ihre Reinheit, erhalten jedoch gerade deshalb eine praktische Wirksamkeit in der menschlichen Erfahrung. Platon verglich das Gute mit einer flüssigen Mischung, die aus zwei Strömen besteht: einem Strom von kaltem Wasser und einem von berauschendem Honig. Das Wasser allein ist geschmacklos. Der Honig allein ist giftig. Nur ihre Verbindung, ihre Mischung bildet den Lebenstrank. Das Problem der Güter und der richtigen Wahl der

 

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Lebensziele besteht in den richtigen Proportionen zwischen ihnen: dem erfrischenden Wasser und dem berauschenden Honig, zwischen Verstehen und Vergnügen.

Kant betrachtet das sittliche Gesetz als ein Gesetz direkter Einwirkung. Das Gesetz selbst enthält in sich die Grundlage seiner Verbindlichkeit; die Fähigkeit der direkten Einwirkung auf den Willen gehört zu seiner Bestimmung. Gleichzeitig ist der Wille, da es sich um menschlichen Willen handelt, immer mit Motiven der Eigenliebe verbunden, die sich nicht verallgemeinern lassen. Der menschliche Wille ist ausgespannt zwischen den Erfordernissen der Moral, und den Motiven der Eigenliebe. Selbst wenn man mit Kant darin übereinstimmt, dass sich moralische Motive nicht mit den Motiven der Eigenliebe verbinden dürfen, so stellt sich dennoch die Frage nach ihrer Verbindung im menschlichen Willen.

Eigentlich sind moralische Motive und Motive der Zweckmäßigkeit – im Bilde gesprochen – parallele Bahnen, die sich nicht überschneiden. Aber gerade deshalb, weil sie so beschaffen sind, können sie einander überlagern. Infolgedessen können die Motive der Zweckmäßigkeit zugleich wie moralische Motive erscheinen, die moralischen Motive ihrerseits wie Motive der Zweckmäßigkeit. In konkreter Hinsicht drückt sich die Überlagerung der Motive darin aus, dass die Moral historisch bedingte soziale Traditionen sowie Formen des Anstands und Verhaltens sanktioniert und auf die Stufe moralischer Verpflichtungen erhebt. – Ich erinnere mich, dass es in meiner Kinderzeit in unserem muslimischen Dorf für Männer als ungehörig, für Frauen als absolut verboten galt, sich mit unbedecktem Kopf auf der Straße sehen zu lassen. Wenn man es doch tat, ist man der allgemeinen moralischen Verachtung anheimgefallen.

Moralisch sanktionierte Verhaltenskodexe verschiedener Kulturen und sozialer Gruppen, die miteinander in Berührung treten, geraten in Konflikt. Das Problem

 

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besteht darin, dass unterschiedliche, oft sich widersprechende Normen innerhalb ein und desselben moralischen Schemas eingeschätzt und deshalb demselben Begriff von Gut und Böse untergeordnet werden. So erhebt sich die Frage, welcher Kodex richtig, wirklich moralisch ist.

Wie schon erwähnt, veranlasst der Konflikt moralischer Kodexe das Nachdenken über ethische Probleme, die Grundlagen der Sittlichkeit, die grundlegenden sittlichen Prinzipien. Hierbei sind unterschiedliche Strategien möglich: die dogmatische erklärt einen Kodex für richtig und lehnt die anderen ab; die relativistische zieht die Existenz einer einheitlichen Moral überhaupt in Zweifel. In der Geschichte der europäischen Kultur war jedoch eine Strategie vorherrschend, die man als kritische bezeichnen könnte. Sie besteht in einer Kritik des moralischen Bewusstseins, die ein Moralverständnis erarbeitet, für welches die im Konflikt befindlichen moralischen Kodexe gleichwertig sind. Sie zeigt auf, dass die feste Verbindung stereotypen Verhaltens mit der Moral zufällig ist, wie man an dem Beispiel des oben genannten Kopfbedeckungsverbots deutlich machen kann: Die moralische Würde ist nicht davon abhängig, dass jemand in der Öffentlichkeit mit Kopfbedeckung erscheint. Der Umstand, dass geachtete russische Lehrerinnen und viele Dorfbewohner (wie Studenten, Soldaten und Händler), die russische Lebensgewohnheiten kennen gelernt hatten, sich unbedeckten Hauptes sehen ließen, konnte zu einem freieren Moralverständnis in dieser Frage beitragen.

In der gesellschaftlichen Entwicklung zeichnet sich eine Tendenz zur moralischen Enttabuisierung ab: der sittlichen Entheiligung sozialer Normen, der Emanzipation der menschlichen Praxis gegenüber der bisher unmittelbar geltenden Moral. Ein Blick in die Geschichte macht deutlich, dass das Verhalten des Menschen von verschiedenartigen, unbedingt verpflichtenden Normen umhüllt ist, die sich schon in kurzen Zeiträumen ändern können: So wurden

 

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in England noch im 19. Jahrhundert Chirurgen und Dentisten nicht der «Gesellschaft» zugezählt, da sie mit den Händen arbeiten. Die von einem Adeligen betrogene arme Lisa in der gleichnamigen Novelle Karamsins ertränkte sich im Teich, da sie nach den sittlichen Ansichten jener Zeit keinen anderen Ausweg hatte. Es genügt, die «arme Lisa» Karamsins und Nabokows «Lolita» gegenüberzustellen oder daran zu denken, dass heute zur Spitze der Gesellschaft Menschen zählen, die «mit den Füßen arbeiten», Fußballer: dann wird klar, wie einschneidend sich die Ansichten über einstmals ausnahmslos gebotenes Verhalten geändert haben. Jeder begeht daher viele Handlungen, die in früheren Zeiten kategorisch verboten waren, und sicher werden viele unserer sittlichen Ansichten später einmal als unbegründete Vorurteile angesehen. Mit einem Wort, die Geschichte der sittlichen Gebote und Verbote geht einher mit einem Prozeß der Konkretisierung der Grenzen der Moral, ein Prozess, der erweist, dass die Moral eine beständigere Natur besitzt, als man jeweils annahm. Ich würde das so ausdrücken: Der Kantischen «Kritik der praktischen Vernunft» ging die historische Kritik der praktischen Vernunft voraus.

Wie die sittliche Enttabuisierung in den einzelnen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens verlief, welches Stadium sie heute erreicht hat – das ist eine besondere Frage, die einer speziellen Untersuchung bedarf. Dass jedoch eine solche Tendenz existiert und dass die philosophiegeschichtlichen Versuche der Begründung der Moral mit ihr korrelieren, ist unstreitig. Die theoretische Beschäftigung mit den Grundlagen der Moral in der Antike setzte ein mit dem Relativismus der Sophisten und endete mit dem Kosmopolitismus der Stoiker; sie war mit dem Bemühen verbunden, den engen ethnischen Standpunkt zu überwinden. Die Perspektive einer universalen Ethik richtete sich beispielsweise gegen eine Anordnung des Themistokles, den zweisprachigen Gesandten des persischen Königs

 

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hinzurichten, weil dieser die hellinistische Sprache zur Wiedergabe der Befehle eines Barbaren benutzte. Die philosophische Ethik der Neuzeit hatte einen Ausgangspunkt in dem Skeptizismus von Montaigne und fand zweifellos ihren Höhepunkt in der Theorie der Moral bei Immanuel Kant. Dabei hatte sie sich der Aufgabe gestellt, die klassen- und standesmäßige Beschränktheit der Moral zu überwinden. Sie widersprach beispielsweise der Lebensphilosophie Wronskis, eines Helden in einem Roman Tolstois: Wronski vertritt die Ansicht, dass man zwar Spielschulden um jeden Preis bezahlen müsse, dass es aber nicht unbedingt erforderlich sei, die Schulden beim Schuster zu tilgen. Die alte Philosophie half, die Überzeugung durchzusetzen, dass die sittliche Würde nicht davon abhängt, ob jemand ein Barbar oder ein Hellene sei. Die neuere europäische Philosophie trug dazu bei, die Überzeugung zu festigen, dass die sittliche Würde des Menschen nicht durch die Zugehörigkeit zu einem höheren oder niederen Stand in der Gesellschaft bestimmt wird. Allerdings ist die Philosophie in beiden Fällen nicht die einzige, nicht einmal die entscheidende Grundlage dieser großen gesellschaftlichen Umwandlung. Denn bei der entscheidenden geistigen Kraft handelt es sich im ersten Fall um die christliche Religion, im zweiten um das Rechtsbewusstsein. Aber das unterstreicht nur die Eigenart der Philosophie, die eben keine kulturelle Massenform ist und deren Rolle sich darauf beschränkt, dass sie eine Stufe der geistigen Erneuerung der Menschen und der Gesellschaft anregt. Ihr kommt jedoch die Bedeutung zu, damit den Anfang zu machen.

In der Geschichte der Theorien der Moral wurden also die materiellen Ziele in ihrer unausschöpflichen Vielfalt ausgeklammert. Die Rechtfertigung der materiellen Ziele als materieller besteht jedoch darin, dass sie bestimmte empirische Bedürfnisse befriedigen. Sie werden nach ihren eigenen Kriterien eingeschätzt. Der ethische

 

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Absolutismus öffnet den Weg für die gegenständliche Vielfalt der Welt, indem er von der Prämisse ausgeht, dass im Natürlichen nichts sei, dessen man sich schämen müsse. Die Gesamtheit der Lebensgüter als materielle Ziele des Menschen bildet deshalb keinen sittlich neutralen, erst recht keinen Bereich, in dem alles – sogar die Norm des Inzests zu verletzen oder menschliches Fleisch zu essen, wie der stoische Weise annahm – erlaubt sei. Ganz im Gegenteil: Daraus, dass kein materielles Gut als absolutes Ziel gelten kann, ergibt sich, dass zu seinem gegenständlichen Inhalt eine sittliche Qualität hinzutreten muss. Dabei könnte man anknüpfen an die schon erwähnte Überlagerung der moralischen Motive durch Erwägungen der Zweckmäßigkeit: Im Sinne der absoluten Moral müsste man dann von einer vollständigen Überlagerung der ethischen Motivationsstufe und der eines Zweckmäßigkeitskalküls auf derselben Achse ausgehen.

Die sittliche Qualität der materiellen Ziele hängt nicht mit ihrer Materialität zusammen, sondern mit ihrer besonderen Funktionsweise als menschliche Ziele, mit ihrer gesellschaftlichen Form. Die Idee der absoluten Moral fordert, dass jedes materielle Ziel darüber hinaus, dass es materiell ist, des Menschen würdig sei. Was durch das Naturgesetz gerechtfertigt ist, soll auch eine Rechtfertigung durch das Gesetz der Freiheit erhalten; denn, wie Kant in der «Grundlegung» schreibt, dass «kein wahrer Widerspruch zwischen Freiheit und Naturnotwendigkeit ebenderselben menschlichen Handlungen angetroffen werde». Die Naturnotwendigkeit der Handlung ist in ihrem materiellen Inhalt eingeschlossen, die Handlungsfreiheit in ihrer sittlichen Form.

Die drei Formulierungen des kategorischen Imperativs bei Kant bringen drei Aspekte der Anstrengung des guten Willens zum Ausdruck, in deren Ergebnis die natürlichen Voraussetzungen des Seins des Menschen zu Resultaten seiner sittlichen Tätigkeit werden. Eine Handlung ist dann

 

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sittlich gerechtfertigt, erstens, wenn sie objektiv betrachtet einer Regel untergeordnet ist, die die Form der Allgemeinheit besitzt; zweitens, subjektiv betrachtet, wenn sie als ein Akt guten Willens erscheint, und drittens, wenn sie frei geschieht, wenn sie aus eben dem Willen geboren wird, der die allgemeinen Gesetze aufstellt.

Die absolute Sittlichkeit erhebt keinen Anspruch darauf, eine körperliche Form zu erlangen und in irgendeinem relativen Zustand Ruhe zu finden. Im Gegenteil: Sie warnt davor, einen relativen Zustand für absolut anzusehen. Gleichzeitig hält sie alles Relative in ihrem Spannungsfeld. Sie reizt den Menschen unaufhörlich zu sittlicher Wachsamkeit. Unter dem äußerlichen, objektiven Aspekt erscheint die Sittlichkeit als Qualität des rechtlichen Raums, die sich in der Allgemeinheit der Form ausdrückt. Unter dem inneren, subjektiven Aspekt tritt sie als Motiv auf, jeden Menschen als Zweck an sich selbst zu betrachten. Die Allgemeinheit der Form und der gute Wille sind keine Zustände, sondern ein ununterbrochener Prozess: Die Allgemeinheit der Form muss in der Maxime einer jeden Handlung gefunden und bestätigt werden, der gute Wille trägt einen ewigen Kampf mit den Motiven der Eigenliebe aus. – Die Verbindung beider in der modernen Welt stellt ein wirkliches Geheimnis, ein ungelöstes Rätsel der Sittlichkeit dar: der sich immer mehr vertiefende Konflikt zwischen der objektiven Sittlichkeit als Organisation des rechtlichen Raums und der subjektiven Sittlichkeit als besonderem Zustand der Motive, das heißt zwischen der Ethik der Regeln und der Ethik der Zwecke. Aber das ist eine Frage, die auf einen neuen Immanuel Kant wartet!

 

 


(1) Aristoteles, Nikomachische Ethik 1,3, 1095a.

(2) Vgl. Platon, Protagoras 357b; Menon 87d.

(3) Platon, Apologie 21d.

(4) Aristoteles, Nikomachische Ethik 1,1, 1094a.

(5) Ebd. 1,10, 1100b.

(6) Ebd. I, 4, 1095a.

(7) I. Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, in: Werke, Akademieausgabe, Bd. 4, Berlin 1903, 411.

(8) Ebd. 389.

(9) Ebd. 421.

(10) Ebd. 463.